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Jüdisches Leben in der Gemeinde

CHAI – lebendig

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland – seit 1686 auch in Oedt und 1850 in Grefrath

Von Irmgard Tophoven

 

1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland - Stele

„Die Weisen von Ashkenas erhielten die Thora als Erbe von ihren Vorfahren in den Tagen der Tempelzerstörung“, heißt es in einem frühen Hinweis des Rabbiners und Gelehrten Asher ben Jechiel (1250 – 1327) auf die Anwesenheit jüdischer Gemeinden in Ashkenas („Deutschland“). Dieser Begriff wurde bald bezogen auf das religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Judentums in ganz Mittel- und Osteuropa; Spanien und Portugal („Sepharad“) bildeten das Herz der sephardischen Juden. Mit den „Tagen der Tempelzerstörung“ meint Asher ben Jechiel den Jerusalemer Tempel der Herodianischen Zeit (70 nach Christus durch die Römer zerstört) und den Beginn der Diaspora, der Zerstreuung von Juden aus Palästina in das gesamte Römische Reich. Es entstanden dort jüdische Gemeinden, so zum Beispiel in der Provinz Germania, vor allem entlang des Rheins. In der Hafenstadt Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensis), wo römische Legionäre stationiert waren und auch schon Juden lebten, erließ Kaiser Konstantin, der erste römische Kaiser, der sich zum Christentum bekehrte, 321 nach Christus ein Dekret, in dem er die Ratsherren anweist, Juden den Zugang zu Aufgaben in der städtischen Verwaltung zu öffnen. Als Mitglieder des Magistrats wären sie für öffentliche Aufgaben verantwortlich, für die vollständige Entrichtung von Steuern für die Stadt, eine finanzielle Risikolast, die das Dekret ambivalent erscheinen lässt. Es ist der älteste Beweis für jüdisches Leben in der germanischen Provinz. Auch Öllampen aus Trier, einer der Residenzstädte des Kaisers, mit der Darstellung des siebenarmigen Leuchters, weisen auf frühe jüdische Spuren in unserem Land.

Auf die wechselvolle deutsch-jüdische Geschichte, eine Geschichte von Emanzipation und Erniedrigung, auf die herausragenden späteren Gemeinden in der Neuzeit (zum Beispiel in Berlin, Frankfurt am Main, München) die Leistungen in Wirtschaft, Medizin, Naturwissenschaft, Bank- und Verlagswesen, Literatur, Musik, Film und Theater kann hier nicht eingegangen werden. Vielmehr geht es in dieser Darstellung um das Landjudentum in den Dörfern und Kleinstädten am Niederrhein und an der Niers, das den höchsten Anteil an Viehhändlern, Metzgern, Kleingewerbetreibenden, Händlern, Kaufleuten, besonders im Textilbereich darstellte.

90 Prozent der Viehhändler im Kreis Kempen/Krefeld vor dem Zweiten Weltkrieg waren Juden. Dies zeigt auch die Berufsstruktur der Grefrather Juden im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Emmanuel Levy war, wie sein Sohn Alfred, Viehhändler und Kaufmann und hatte eine Versicherungsagentur. Auch Josef Willner war Viehhändler, sein Bruder Isidor Metzger, ebenso ihr Vater, Selig Willner. Karl Salomon Levy und Jakob Frank (Stolpersteine) waren Metzger, Hermann Sanders war Kaufmann, Julius Nohlen Fabrikant („Potluet“). Dieses Berufsbild trifft auch auf die wesentlich ältere Oedter Jüdische Gemeinde zu. Der älteste Nachweis datiert aus dem Jahre 1686, in dem sich Isaak Burg in dem damals zum Kurfürstentum Köln gehörenden Oedt niederließ. Sie waren gute Geschäftsleute, die 1787 sogar die Genehmigung hatten, Vieh und Fleisch an die preußischen Truppen in Moers, Kleve und Geldern zu liefern. Auch in der Hausweberei sowie allgemein im Textilgewerbe fanden sie wirtschaftliche Sicherheit. Ende des 19. Jahrhunderts nahm der jüdische Bevölkerungsanteil in den ländlichen Gebieten aus wirtschaftlichen Gründen stark ab. Aufgrund der Industrialisierung beginnt eine Landflucht in die umliegenden Städte. So versuchte um 1850 der Viehhändler Selig Willner aus Oedt im nahen Grefrath eine neue Existenz als Metzger aufzubauen, nahe dem Bergerplatz. Er ist der erste Jude in der nahezu vollständig katholischen Gemeinde Grefrath. Zu Beginn des Dritten Reiches gab es nur noch zwei jüdische Familien in Oedt. Das waren Erna, Ruth Helene und Kurt Willner sowie Rosa Goldschmidt (Stolperstein) und ihr Bruder Leo.

Die Grefrather und Oedter jüdischen Familien lebten vorwiegend im Ortskern: in Grefrath an der Rosenstraße, Hohe Straße, am Berger Platz, an der Bahnstraße, Mülhausener Straße und Vinkrather Straße, in Oedt fast ausschließlich an der Hochstraße und am Kirchplatz an St. Vitus. Mit Oedt zusammen bildete die Jüdische Gemeinde Grefrath eine Synagogengemeinde mit eigenem kleinen Bethaus an der Hochstraße und eigenem Friedhof, der aber im Zuge des Ausbaus der Girmeswerke 1968, nach Kempen verlegt wurde. In der katholisch geprägten Gemeinde waren sie geachtet und integriert, wie die Verfasserin in zahleichen Gesprächen mit Zeitzeugen immer wieder erfahren durfte. Als Mitglieder im Musikverein, im Roten Kreuz, in der Sängervereinigung 1900, der Freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein Grefrath e.V. 1910 – Alfred Levy war sogar dessen Mitbegründer und 1. Vorsitzender – nahmen sie am Gemeindeleben teil.

Der NS-Terror machte jedoch ab 1933 das Zusammenleben immer schwieriger. Nach Entrechtung, Verfolgung, Deportation in die Vernichtungslager gab es 1945 keine jüdischen Bürger mehr in Oedt und Grefrath. Aber sie sind nicht vergessen.

Es bestehen vielfältige Formen der Erinnerungskultur und des Gedenkens an die jüdischen Familien und ihr Schicksal in der NS-Diktatur. In einer Initiative von Grefrather Christen wurde, unterstützt von der katholischen Pfarrgemeinde St. Laurentius Grefrath/St. Josef Vinkrath und der evangelischen Kirchengemeinde Grefrath/Oedt am 7. November 2004 eine Gedenk-, Mahn- und Erinnerungsstele an der St. Laurentius-Kirche errichtet. Die 2,20 Meter hohe Stele aus schwedischem Granit wurde vom Bildhauer- und Steinmetzmeister Manfred Messing gestaltet. Ein Quader, aus dem Stein herausgelöst wie die Juden aus der Gesellschaft zeigt auf der zur Hohe Straße zugewandten Seite 25 eingemeißelte Namen von Mitgliedern der jüdischen Familien aus Grefrath und Oedt. Darüber steht ein Wort des früheren Aachener Bischofs Klaus Hemmerle: „Und die Meinen haben es getan.“ Unter den Namen steht ein Spruch des Propheten Jesaja (56,5): „Einen ewigen Name gebe ich Ihnen der niemals ausgetilgt wird.“ Die Namen sind auf diese Weise eingebunden in das Schuldbekenntnis der Christen einerseits und das Nichtvergessensein andererseits. Auf der zum Kirchplatz weisenden Seite des Quaders erscheint der siebenarmige Leuchter, ein Symbol des Lebens, darunter die Widmung: „Christen erinnern aus Verantwortung für Gegenwart und Zukunft an die 1933 - 1945 durch nationalsozialistischen Terror entrechteten, verfolgten und ermordeten jüdischen Familien aus Grefrath und Oedt.“ Das Mahnmal ist auch ein Lernort, der zur Auseinandersetzung mit der Frage der Verantwortung führt: „Was hat das Schicksal der jüdischen Familie mit mir zu tun?“ 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland - Stele

In jedem Jahr findet seit 2004 Ende Januar (27. Januar 1945 war die Befreiung des Todeslagers Auschwitz) an der Stele ein ökumenisches Gedenken statt mit Vertretern beider Kirchen, Firmlingen, Konfirmanden, Bürgermeister, Ratsmitgliedern und vielen Bürgerinnen und Bürgern. Aus der Erinnerungsarbeit erwächst die Verpflichtung in Zukunft neuen Gefahren für die Demokratie rechtzeitig und mutig entgegenzutreten. Nicht unerwähnt sollte sein, dass Schülerinnen und Schüler der Liebfrauenschule Mülhausen in jedem Jahr Ende Januar einen Gedenkgottesdienst gestalten und sich in Projekten mit jüdischen Familien beschäftigt haben ebenso Schüler der Sekundarschule Dorenburg.

Das Jahr 2021 erinnert an 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland, gekennzeichnet durch Ambivalenz und zerbrochene Kontinuität. Während es zum Beispiel in Berlin, Köln, Düsseldorf, München, Frankfurt vor allem nach 1989 eine starke Zuwanderung von Jüdinnen und Juden, vor allem aus Osteuropa, gegeben hat und dort nach der Shoa inzwischen lebendige Gemeinden entstanden sind, ist das Leitwort „Chai“ – „Lebendig“ hier sicher zutreffend. In Grefrath und Oedt gibt es keine jüdischen Gemeinden mehr. Aber lebendig ist dagegen die Erinnerungskultur. Lebendig ist die Suche der Überlebenden, ihrer Enkel und Urenkel nach den Wurzeln ihrer Familie, die in Grefrath liegen. Diese Spurensuche entwickelte sich intensiver nach der Errichtung der Stele 2004. Die Nachricht darüber und ein Video erreichten Ruth Roseboom in New York, die den Kontakt zu ihrer alten Heimat Oedt nie hatte abreißen lassen und in brieflichem Kontakt zur Verfasserin stand. Ihre Nichte Dorothee aus Florida, Tochter von Kurt Willner aus Oedt, kam 2009 nach Grefrath und besuchte zusammen mit mir das elterliche Haus an der Hochstraße in Oedt und den jüdischen Friedhof in Kempen. Auch Mitglieder der Familie Eddie Helmut Willner aus Virginia und Washington, Nina und Albert, Urenkel von Josef Willner aus Grefrath, waren 2019 hier und standen bewegt vor dem Gedenkstein und dem Wohnhaus ihres Urgroßvaters an der Bahnstraße. 2015 und 2016 besuchten Leif und Marianne Möller aus Schweden Grefrath. Sie suchten das großelterliche Haus ihrer Schwägerin Else an der Hohe Straße, die dort bei ihrem Großvater Isidor Willner oft zu Besuch war.

In Jerusalem, in der zentralen Gedenkstätte Yad Vashem, ist das Grefrather Mahnmal archiviert. Die lebendige Mahn- und Erinnerungsarbeit in unserer Gemeinde drückt Ruth Roseboom aus New York in einem Brief an die Verfasserin so aus: „Ich bin dankbar, dass die Gemeinde dazu beiträgt, die Vergangenheit niemals zu vergessen!“